"Und ich begehre / Nicht schuld daran zu sein"
Der Soziologe Carlo Jaeger meint, wir müssen uns neu erfinden, um den Klimawandel erfolgreich aufzuhalten.
Der Weltklimarat IPCC prognostiziert, dass sich die Erde stark erwärmen wird, wenn wir so viele Treibhausgas-Emissionen produzieren wie bisher. Wie wird angesichts dieser Prognose Deutschland zur Mitte des Jahrhunderts aussehen?
Es wird von allem etwas mehr geben: Mehr Hitzewellen, unter denen Mensch und Landwirtschaft leiden, heftigere Niederschläge, die zu Stürmen und zu Überschwemmungen führen können. Auch werden das Erzgebirge, die Alpen, der Harz in den kommenden Jahren immer weniger Schnee erleben, das könnte ökonomische Verluste für die Tourismusbranche bringen. Global gesehen, wird Deutschland aber nur einen winzigen Teil der Klimawandelfolgen erleben, im Gegensatz zu anderen Gegenden, auf die sehr viel mehr Leid zukommen wird.
Wer wird vom Klimawandel besonders bedroht sein?
Ich will nur einzelne Beispiele nennen: Der Anstieg des Meeresspiegels wird Inseln und Küstenstädte bedrohen - ihre Trinkwasserversorgung ist gefährdet, Küstenstreifen könnten erodieren und häufigere Stürme werden enorme Sachschäden verursachen. Das ist in der Vergangenheit alles schon vorgekommen, doch werden die Wetterextreme in Zukunft heftiger ausfallen. Hinzu kommt, dass viele Gegenden - beispielsweise Afrika oder Mittelamerika - nicht die finanziellen Ressourcen haben, sich auf den Klimawandel einzustellen. Das macht diese Länder umso verwundbarer. Wir werden künftig aus diesen Ländern stärkere Flüchtlingsströme erleben und somit schließt sich der Kreis, dass auch Deutschland die globalen Folgen des Klimawandels spüren und mittragen muss.
Nun könnten sich die Deutschen zurücklehnen und fragen, was interessieren mich die fernab liegenden Klimaprobleme?
Wir haben in Europa Umfragen gemacht: Die überwältigende Mehrheit der Befragten sagte, es sei furchtbar, dass wir die Schönheit unseres Planeten massiv beschädigen. Viele wissen, dass der tropische Regenwald, die Gletscher, die Korallenriffe Wunder der Natur sind. Sie gehören ebenso zum Reichtum unserer Erde wie namhafte Museen in Rom, Paris, oder Florenz, die wir auch nicht unserer Lebensweise opfern.
Das hört sich optimistisch an. Meinen Sie, wir werden bis zur Jahrhundertmitte den Klimawandel größtenteils gestoppt haben? Die Mittel hätten wir dazu.
Der Klimawandel ist zwar zu einem globalen Diskussionsthema geworden, das heißt aber nicht, dass wir handeln werden. Wir benötigen einen weltweiten Übergang zu einer nachhaltigen Wirtschaftsform - hier bin ich überhaupt nicht überzeugt, dass wir das zügig angehen werden.
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Nach einer Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung liegen die Dinge klar auf der Hand: Würde die deutsche Wirtschaft jetzt auf zukunftsweisende Technologien umstellen, könnte sie künftig zum globalen Marktführer werden. Warum zögern die Energiekonzerne?
In Deutschland lassen die Probleme um Arbeitsmarkt und Staatshaushalt das Problem des Klimawandels in den Hintergrund rücken. Das ist genauso falsch, wie zu verlangen, dass der Klimawandel jetzt wichtiger als alles andere sei. Wir brauchen Strategien, die die drei Probleme gegenseitig lösen. Solche Strategien haben sich bislang politisch nicht durchsetzen können. Will Deutschland weiterkommen, wird es seine Einstellung jedoch ändern müssen.
Sie meinen, es ist an der Zeit, dass die deutsche Regierung eine ökologische Energiewende einleiten sollte?
Die Regierung sollte gewisse Rahmenbedingungen setzen, wie es mit dem Emissionsrechtehandel geschehen ist, der für Unternehmen den Ausstoß von Kohlendioxid festlegt. Das ist eine hervorragende Idee, doch werden die Firmen noch enorm geschont. Würde die Emissionsmenge ernsthaft begrenzt, wäre die Wirtschaft angehalten, umgehend in umweltschonende Technologien zu investieren. Neue Technologien wird nur die Wirtschaft finden, sie wird sie ohne Druck von außen aber nicht suchen.
Rechnen Sie mit einer schnellen ökologischen Energiewende in Deutschland?
Ich denke, wir betreiben in den nächsten 20 bis 30 Jahren business as usual, denn die Beharrungskräfte dominieren derzeit das Kräftefeld. Die deutschen Unternehmen verspielen damit möglicherweise ihre Chance auf eine globale Technologieführerschaft. Schauen Sie sich Kalifornien an, wo man derzeit in die erneuerbare Energienbranche enorm investiert. Die Kalifornier trauen sich einfach zu, in kürzester Zeit Technologietrends zu setzen, sie trauen sich auch zu, neue Lebensstile zu setzen.
Die deutschen Firmen trauen sich nicht zu, neue Trends zu setzen?
Der Wettstreit um die Alternativen Energien hat gerade erst begonnen. Mich aber besorgt die deutsche Angst. Sie ist historisch begründet, doch nimmt sie aus wirtschaftlicher Sicht skurrile Züge an. Die deutschen Firmen sind fähig, bestehende Technologien hervorragend weiterzuentwickeln, bei der Entwicklung neuer Technologien sind hingegen die Selbstzweifel groß. Deutschland sieht sich nicht als Trendsetter - das muss und sollte nicht so bleiben. Der Trainer der WM-Mannschaft, Jürgen Klinsmann, hat gezeigt, dass es anders geht und dass sich verkrustete Strukturen aufbrechen lassen.
Von wem erwarten Sie solche Aufbruchsignale?
Das können Unternehmer oder Politiker sein, die sich zutrauen, global zu handeln und falls es sie bereits gibt, wäre es gut, sie würden sich mehr zeigen. Zu oft ist in diesem Land von Bremsern und Blockierern die Rede, statt von Gestaltern und Gestalterinnen. Immerhin war es ein Bundespräsident, der gesagt hat, es müsse ein Ruck durch dieses Land gehen. Er hat immer noch Recht.
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Sollte der Ruck ausbleiben, müssen die Deutschen künftig auf was verzichten?
Ich möchte ein wenig ironisch antworten. In erster Linie müssen die Deutschen auf ihre Angst und auf eine gewisse geistige Trägheit verzichten. Gewohnheiten aufzugeben, ist sicherlich nicht einfach, würde uns aber enorm helfen, den Klimawandel zu stoppen. Wir müssen uns neu erfinden. Galt vor Jahren noch ein großes Fahrzeug, das viel Benzin verschlang, als Statussymbol, könnte künftig gerade das Vermeiden von Emissionen zum erstrebenswerten Ziel werden. Das wäre eine neue Form von Glück.
Glück ist für viele Menschen sicherlich nicht daran gebunden, etwas für die Umwelt zu tun, um sich dann gut zu fühlen.
Ich weiß aus Untersuchungen, dass sehr viele Menschen einen Beitrag gegen den Klimawandel leisten wollen. Einer der größten deutschen Dichter, Matthias Claudius, hat einmal die Zeilen gedichtet: ´s leider Krieg - und ich begehre, nicht schuld daran zu sein. Das ist beim Klimawandel nicht anders. Natürlich habe die privaten Formen, das eigene Kohlendioxid zu reduzieren, auch etwas Melancholisches an sich, weil wir alle wissen, es ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wir brauchen einen globalen Willen, gegen den Klimawandel vorzugehen, der getragen ist, durch politische Beschlüsse.
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Wie viel Zeit bleibt uns noch, um entscheiden zu können, wie wir gegen den Klimawandel vorgehen sollten?
Das ist eine moralische Frage. Wie viel Zeit hatten wir für die nukleare Abrüstung? Hier haben wir viele historische Chancen verpasst und am Atomstreit mit dem Iran zeigt sich, wie ungelöst die Abrüstungsfrage ist. Um den Klimawandel hätten wir uns auch schon vor 20 Jahren ernsthaft kümmern sollen - wir haben es nicht getan. Das heißt nicht, dass es so weiterlaufen kann. Die Verantwortung gilt global, wenngleich wir Europäer eine spezielle Verantwortung für den Klimawandel haben. Die Wirtschaft mit ihren enormen Emissionen hat uns zu einem beträchtlichen Wohlstand verholfen. Jetzt müssen wir den Mut haben, zu sagen, im Klimawandel liegt die Chance für Europa, nicht nur eine moralische Rolle zu spielen, sondern auch wirtschaftliche Erfolge einzuholen. Wir haben gegenwärtig die Möglichkeit, Dinge zu gestalten. Wir sollten das tun!
Der Schweizer Wissenschaftler Carlo Jaeger leitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) die Abteilung "Globaler Wandel und Soziale Systeme". Als Volkswirt und Soziologe untersucht er globale Umweltprobleme, insbesondere die Risiken von Klimaänderungen.


